Über Soldaten, Krieger und den Feind

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„Und wenn es ihnen gelingt, trotz der Gräuel, die sie im Krieg erleben, und trotz der Tötungen, die sie im Ernstfall selbst zu verantworten haben, sich vom Sog der Gewalt nicht erfassen zu lassen, sondern im Herzen jene Zivilität zu wahren, die zu verteidigen sie aufgebrochen sind, dann dürfen wir sie getrost als das bezeichnen, was sie sind: Helden.“

Der Artikel ist einer von vielen der letzten Zeit und ein Plädoyer für den Beruf als Berufung des Soldaten. Rückenwind aus der Presse – so wie jede Zeitung in den letzten vier Wochen einen „Support Our Troops“ Artikel rausgebracht hat.

Die Autorin schreibt aber nur eine Teilwahrheit und ist in manchen Punkten imho etwas „blauäugig“-oberflächlich und vermeidet es die ungeschönte Wahrheit zu benennen.

Jeder einzelne Bürger muss sich fragen ob er den Beruf (die Berufung) des Soldaten anerkennt und ihn angemessen respektiert. Politiker sind hier nicht die Hauptschuldigen.

Reine Söldner und „Adrenalinjunkies“ mit Waffen unsere Werte verteidigen zu lassen, funktioniert nur temporär und nicht nachhaltig (um es mit einem inflationärem Wort zu bestärken)

Zudem ist das Wort „Therapeut“ im Zusammenhang missverständlich, da man in gewisser Weise den Feind verstehen und „therapieren“ muss, wenn man ihn vernichten will. Paradoxe-(Psychologische-) Kriegsführung – funktioniert im Nahkampf ganz hervorragend. Das Wort „Feind“ ist natürlich politisch nicht korrekt – beschreibt Gefühls- und Gemengelage aber recht gut. „Der Feind“ ist keine einzelne Person, sondern kann hier als Idee/Dogma/Personenkreis/etc. aufgefasst werden.

Bestialisierung des Feindes

Den „Feind“ als wilde Bestie darzustellen, mag den dem Herzen und einer reißerischen Titelstory dienen – ist aber irrational. Der Feind ist ein Mensch wie du und ich und besitz kein Teufels-Chromosom. Sorry.

isis-kaempfer-posieren-auf-einem-propaganda-foto-der-extremistischen-organisation-islamischer-staat-im-irak-und-gross-syrienDer „Islamische Staat“ – Gefundenes Schreckgespenst für die Medien und Islamhasser

Beispielsweise die „Kernkämpfer“ der IS sind in Leid, Elend, unter Gräueltaten und im Krieg sozialisiert und ideologisiert worden. Kein Mensch wird böse geboren, aber im Krieg gedeihen Psychopathen bekanntlich ganz prächtig. Die IS setzt sich gleichermaßen aus den Gruppen der Söldner, der Adrenalinjunkies und der überzeugten Kämpfer zusammen. Alle bleiben aber immer auch Menschen: Fürsorgliche Familienväter, nette Männer und der allseits bekannte „Schalterbeamte“. Zwei Extreme schließen sich bekanntlich nicht aus – die Mehrheit schaut dann nur nicht mehr genauer hin, sondern stempelt es als „krank“ oder „gestört“ ab. Ein Reden darüber – undenkbar. Wenn man etwas nicht verstehen will (und mangels Ängste und Zwänge nicht verstehen kann), ist es wie mit dem Geld: Man spricht nicht darüber – Eine sinnfreie Norm.

Um es etwas plastischer zu machen: Unsere Vorfahren waren Täter und Opfer. Großväter, Großmütter, Väter und Brüder, Onkel und Tanten. Im Krieg, in KZs, unter Notwehr, getrieben von Angst, von Macht, der Lust am Töten und Machtausnutzung. Die Waffen –SS haben sich nicht aus dem Nichts rekrutiert und internierte KZ-Häftlinge wurden nicht von „Niemanden“ vernichtet. Neben vielen Mitläufern gab/gibt es immer auch Initiatoren, Anführer und Aktive.

Der eine war entsprechend mehr – oder weniger Täter oder Opfer. Menschen eben, die menschliches tun (dazu gehört auch das Töten und die Gräuel) Völlig wertfrei.

Zurück in der Gegenwart: Im Internet finden sich Bilder von geschächteten Frauen, verstümmelten Kindern, geköpften, gesteinigten und alles was dem menschlichen Geist noch so grausames entspringen kann.

Unsere Gesellschaft muss sich mit der Gräueltat (Atrocitiy) beschäftigen. Nur so kommt man auch an die wahren Normen, Motive und Werte der Täter – und die Ängste welche diese treiben.

Be water my friend

Einen Feind zu bekämpfen, ist ohne Vorkenntnisse möglich – endet aber nicht selten in einem unkoordinierten, selbstverletzenden Umherschlagen. Um einen Feind zu vernichten, bedarf es einer ausführlichen Informationsgewinnung, Analyse, Strategie und Taktik. Wir unterliegen beispielsweise dem massiven Denkfehler, dass jeder Mensch nach ähnlichen Anreizmotiven handelt wie wir – Geld, Macht, „Dolce Vita“, Sex, etc.

(Zur Wahrheit gehört auch: Woher kommt IS? Wer fördert(e) sie? Wem nutzen sie? Wollen wir sie überhaupt bekämpfen? Folge dem Geld und den Interessen! Eine andere Geschichte, die natürlich ebenso analysiert werden muss. Das soll jetzt aber nicht Thema sein)

Die Grundzüge der effizienten Kriegsführung im Werterahmen unserer Kultur finden sich im Übrigen in der jüngeren Filmgeschichte in „Batman Begins“ (sowie „Dark Knight“) auf eineinhalb Stunden Film zusammengeschnitten.

Lerne Denken und Handeln wie dein Feind. Werde zum Kriminellen. Kenne seine Stärken, Schwächen und seine Angst – und richte diese gegen ihn. Und auch: Gerechtigkeit hat mit Harmonie zu tun. Rache nur damit, dass man sich danach besser fühlt. Rache bringt keinerlei Rechtsfrieden.

Zwangsweise muss eine Adaption an die Kriegsführung des Feindes erlangt werden. Motive, Normen und Wertestrukturen müssen erkannt und nachgeahmt werden. Die größten Siege der Geschichte sind mit Täuschung und List erlangt worden. Wir kämpfen dagegen eher um Fassung und Haltung unserer aufrechten Position, um ja nicht schmutzig zu werden.

Der Schlüssel liegt wie so oft in der Anpassung. Grundlegende Ansätze finden sich bei den „Green Berets“ und dem Unconventional Warfare, der auf Adaption, Manipulation und effektiven Kampf gegen den Feind basieren. Der Afghanistan-Feldzug der Amerikanischen Streitkräfte war davon geprägt – erfolgreich. (In Afghanistan ist man Zivil gescheitert. Militär bringt nur 1/3 des gesamten Programms, nämlich Zeit und Sicherheit.)

Wer gewinnen will muss zudem die Regeln des Spiels brechen – und sich dreckig machen. „Don´t play by the rules“

„Imagine the unimaginable, humor your imagination“ – Stell dir das Unvorstellbare vor, belustige deine Vorstellungskraft. Also denk abstrakt, verrückt und „Out of the box“. Nichts wirklich Neues – nur wendet es niemand an.

„Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“.

Die Kernkämpfer der IS haben keine Angst vor dem Tod. Ihre Kämpferideologie ist im Märtyrertum begründet, ihr Ziel ist letztendlich das Versagen im Leben und die Einfahrt ins Paradies. Die Erde ist nur eine Zwischenstation und nicht allzu lebenswert. Wie auch, wenn keinerlei Perspektive sichtbar im Hier und Jetzt wird und es eher eine Existenz in Staub und Dreck am unteren Rand der Gesellschaft ist – wer will diesen Status Quo schon aufrechterhalten?

isis-kaempfer_bei_einer_parade_im_syrischen_raqqaAufrecht in den Tod. Mindset ist alles: „Ihr liebt das Leben, wir lieben den Tod“

Die Idee hinter diesem Motto ist in unserer Gesellschaft schwer zu vermitteln – und ganz und gar nicht salonfähig. Überwinden wir die Feigheit nicht, uns den Abgründen zu stellen und den Hintergrund des Mottos zu akzeptieren, werden wir nie in der Lage sein diese Art des Extremismus zu vernichten oder effektiv zu bekämpfen. Es geht dabei niemals um die Übernahme der Denkweise ins eigene Leben – lediglich um Akzeptanz des Daseins dieser Denkweise. –> Lerne denken und handeln wie dein Feind.

Keine Frage, man muss töten, um Leben zu bewahren – Notwendiges Übel („necessary evil“). Psychopathen und Soziopathen wurden von der Gesellschaft gejagt, eingesperrt oder gleich gelyncht. Heutzutage lassen wir uns ihre Denkweise aufdrängen, streben ihren Reichtum an und lassen sie regieren, anstatt sie zu jagen und unschädlich zu machen – wir reagieren nur. Dennoch: Töten/Kämpfen kann man nicht zum Kernpunkt einer Strategie erklären. Diese verwundet den Feind lediglich – vernichtet ihn aber nicht.

Perfekte Beispiele hierfür sind Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen und andere Krisengebiete (Schlachthäuser) der Erde. Mit jedem Tag im Elend, werden neue Kämpfer zur Rekrutierung – durch IS, Al-Nusra, Al-Quaida und wie wir sie alle nennen – frei. Kein Politker hat einen Überblick oder Expertise über die jeweiligen Konflikt-Gebiete mit ihren verschiedenen Interessensgruppen, Menschen, Stämmen, Religionen, Nationen und Einflüssen. Weil niemand sich die Mühe gemacht hat sich für den vermeindlichen „Feind“ zu interessieren. INTEL-Ergebnisse werden ignoriert, abstrakte Ideen zur Terrorbekämpfung belächelt, HUMINT abgebaut. Ein Teufelskreis.

4,w=559,c=0.bildIdeologisierung von Kindern – wie überall auf der Welt auch bei IS.

Die persönliche Psychologische Aufschlüsslung der letzten paar Puzzlestückchen überlasse ich jedem selbst.

Helden bleiben Menschen mit weltlichen Problemen

Vernichten bedeutet ihnen jegliche Grundlage zur Weiterexistenz zu nehmen, sprich Humanmaterial und Ressourcen entziehen. Eben nicht zwangsläufig alle zu töten, sondern die Idee dahinter weitgehend durch Bildung, Aufklärung und Nächstenliebe zu ersticken. Das dauert.

Notwendiges Übel („Necessary evil“) ist Teil unserer Wirklichkeit. Professionelle Soldaten sind in der Lage zu töten und den „Burden of Killing“ ein Leben lang zu tragen. Töten bedeutet das Leben eines anderen auf seinen Schultern weiterzutragen. Nicht immer aufrecht und oft mit Qualen, aber ohne es der Gesellschaft zur Last zu legen. Das ist das, was die Autorin des Textes sagen will. Das ist Heldenhaft und es gebührt höchster Anerkennung. Es ist nämlich selbstlos und damit das größte Opfer, was man erbringen kann.

Aber kein Mensch kann Batman sein – Menschen brauchen Anerkennung. In erster Linie ehrliche in Form einer neuen Militärkultur in diesem Land in der das Militär tief in der Gesellschaft verankert, geschätzt, unterstütz und umsorgt wird. Kein Militarismus und immer kritische Töne – eben eine gesunde Beziehung auf Grundlage unserer Verfassung.

In zweiter Linie in Form von anständigen und „attraktiven“ Arbeitsbedingungen, wie durchgängiger Veteranenversorgung, einer adequaten Besoldung, zeitgemäßer und vor allem zweckmäßiger Ausrüstung und Ausbildung, um Aufträge erfolgreich durchzuführen. Die Maslowsche Pyramide will abgearbeitet werden!

Eine Waffe tragen und im Auftrag eines höheren Gemeinwohls töten sollten nur stabile, gesellschaftlich verwurzelte, soziale-kompetente Charaktere ausführen, die damit umgehen können bzw. in der Lage sind es zu erlernen. Eine Armee, ein Bataillon, eine Kompanie, ein Zug und eine Gruppe muss von Kriegern geführt werden. Keinen Söldnern und Junkies bei denen der Wille zum Überleben dann erlischt, wenn die Komfortzone verlassen wird sprich alles etwas unangenehmer wird.

Dies ist nicht alleinige Aufgabe unserer Politiker, die die Mehrheit gewählt hat. Das ist Aufgabe der kompletten Gesellschaft.

Aktuell Sourcen wir das Töten an die untere Gesellschaftsschicht aus – hier Rekrutieren wir teilweise unsere Soldaten. Eine folgenreiche Fehlentscheidung…vielleicht eine weitere Büchse der Pandora?!

Übers Töten müssen wir uns an anderer Stelle nochmal genauer unterhalten…

6a00d8341ce46d53ef0105356fddd9970c-800wi„Of every 100 men they send me, 10 should not even be here; 80 are nothing but targets; 9 are real fighters, and we are lucky to have them, for they the battle make. But one, one of them is a warrior – and he will bring the others back.“ – Heraclitus, philosopher

 

Die Wahrheit tut weh und ist meist unangenehm und nicht selten grausam. Besonders die, über uns selbst.

Develop the situation, act calm, cry later. – Big Boys Rules

 

Bildnachweis:
Bild 1: media0.faz.net/ppmedia/aktuell/998670280/1.3004318/article_multimedia_overview/isis-kaempfer-posieren-auf-einem-propaganda-foto-der-extremistischen-organisation-islamischer-staat-im-irak-und-gross-syrien.jpg
Bild 2: de.qantara.de/sites/default/files/styles/editor_large/public/uploads/2014/07/08/isis-kaempfer_bei_einer_parade_im_syrischen_raqqa.jpg?itok=V3woOztV
Bild 3: bilder.bild.de/fotos-skaliert/vater-sohn_41336545_mbhf-1412933887-38099200/4,w%3D559,c%3D0.bild.jpg
Bild 4: elkit.blogs.com/.a/6a00d8341ce46d53ef0105356fddd9970c-800wi
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Der Text gibt eine Meinung wieder, die in gewisser Weise immer subjektiv bleiben wird, da ich ein „Homo Sapiens“ bin – kein Homo oeconomicus. Cheers boys.

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