US Army 2011 Maneuver Conference (Fort Benning)

Vom 12. bis zum 15. September 2011 fand in Fort Benning die „2011 Maneuver Conference“ statt. Der Name ist Programm und so hat das US-Militär in Zeiten von Einsparungen und schwierigen Situationen in den Einsatzgebieten neue Konzepte für die Zukunft vorgestellt.

Maneuver Center of Excellence

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[vimeo http://vimeo.com/29014715]

Dieser Vortrag ist sehr interessant, da es um die Zukunft des Squads (Gruppe) geht – nachdem Master Gunner Brown das neue Hauptgebäude in Fort Benning vorgestellt hat (siehe Bild – 80% Recycling – Umweltschutz in der Army) kommt er durch ein kleines Filmchen (welches typisch selbstbewusst Amerikanisch ist) zum eigentlichen Thema, nämlich der Notwendigkeit von „boots on the ground“ und damit verbunden der Existenzberechtigung eines Squads.

Brown geht zunächst auf die verschiedenen Leader-Kurse ein, welche in Fort Benning ausgebildet werden. Hier wurden Kurse zusammengefasst, um nicht doppelt auszubilden. „Unity of Effort in the Maneuver Force – Focus and Priorities“ (Seite 3)

Die Grundzüge des „Future Squads“ werden auf Seite 7 zusammengefasst. Besonderes Augenmerk ist auf die Punkte 4, 6 und 7 zu legen. Besonders die Die Punkte wie z.B. „Culturally Aware“ oder „Tested through Immersive Training“ klingen vielversprechend.

Es wird auch schnell klar, dass die Amerikaner viel auf moderne Technik setzen wollen (was sie jetzt auch schon, wie keine andere Armee der Welt tun). Den Vorwurf (vieler Deutschen Soldaten) durch Technik fehlende Ausbildung und fehlendes Wissen/Erfahrung wettzumachen, lass ich hier einfach im Raum stehen, um sich sein eigenes Bild zu machen.

Die Grundschemata der neuen Verlinkungen im Squad und mit anderen Teilstreitkräften, Waffensystemen, Informationsquellen etc. pp. sind im PDF oben kurz aber vollständig umrissen. (Seite 8 )

Seite 9 „Human Dimension of the Squad“ befasst sich mit der Komponente „Mensch und Mindset in der Gruppe“. Diese und die nächsten beiden Seiten sind wohl mit die wichtigsten im kompletten Vortrag. Der Grund hierfür sollte klar sein. Interessant sind die Punkte „Digital Comfort“ sowie „Advanced Situational Awareness“, „Army Values Warrior Spirit“ und „Social, Family“.

Digital Comfort spricht MG Brown bereits vorher an. Eine „Erweiterte Situationssicherheit“ (Advanced Situation Awareness) oder besser eine Handlungssicherheit wird nur durch viel und abwechslungsreiches Traning der verschiedensten Situationen und Szenarien erreicht. In diesem Zusammenhang werde ich an anderer Stelle noch auf das Trainieren von Taktiken und Vorgehensweisen mittels „PC-Spiele“ eingehen. Hauptproblem der meisten Armeen (besonders der Bundeswehr) ist ein beschränktes Budget. Deshalb sind große Life-Training-Szenarien nicht allzu häufig möglich (enorme Kosten bei Fahrzeugen, Verpflegung, Logistik, Munition). PC gestützte Simulationen, Modultraining einzelner Handlungen, Force on Force Training mittels Paintball/Airsoft Waffen uvm. bieten hier sicherlich ein gewisses Potenzial real, kostengünstig und vor allem so oft wie möglich zu trainieren.

Einen „Army Values Warrior Spirit“ wird es wohl erstmal nur in den US geben, da die Bundeswehr dafür (sicher auch geschichtlich bedingt) zu verkrampft ist – aber sich auch falsches Heldentum und Gedankengut bilden könnte. Ein „Ranger Creed“ für Bundeswehrsoldaten wäre aber manchmal wünschenswert.

„Social, Family“ – Extrem Wichtig, so unglaublich wichtig, dass es neben guter Ausrüstung, guter Ausbildung, Freizeit und Kulturangeboten, Weiterbildungsmöglichkeiten (außerhalb von BFD) und einer guten Infrastruktur mit ganz oben auf dem Attraktivitätsprogramm der Bundeswehr Platz finden muss! Ein ausgeglichener, sozial eingebundener und glücklicher Soldat ist gerne im Dienst und ist effektiver. Ebenfalls interessant: Das Auftreten von PTSD (Post Traumatic Stress Disorder) ist unter anderem stark vom sozialen Umfeld abhängig.

Seite 10 befasst sich mit der Laufbahn als Militärischer Führer.

Seite 11 wiederum befasst sich unter der Überschrift „Linking Virtual & Live“ mit einem sehr interessanten Aspekt der „Web 2.0 Gesellschaft“: Das virtuelle Ich

Ähnlich wie bei „World of Warcraft“ (Ein sehr beliebtes Online Rollenspiel) soll sich der Soldat seinen Avatar und eigenen Charakter im Virtuellen Raum schaffen. Natürlich wird er versuchen diesen Charakter möglichst perfekt, heldenhaft, mit durch und durch positiven und herausragenden Eigenschaften auszustatten. Durch eine Verknüpfung zwischen Realem und Virtuellem Ich werden so der Dienstgrad, Sportleistungen, Ausbildung, Wissen und andere Fähigkeiten auf den Avatar in der virtuellen Welt übertragen. Der Soldat hat also zwei Auftreten: Im Virtuellen Raum und in der Realität.

Dieser Schritt ist eine psychologische Raffinesse. Solange der virtuelle Charakter zu 100% vom realen Charakter abhängt, wird es zu keinerlei Probleme kommen. Diese Art und Weise des „Hochlevelns“ soll natürlich die „Generation Web 2.0“ bzw. Generation „World of Warcraft“ ansprechen.

An dieser Stelle möchte ich zu einem anderen Vortrag springen:

„Blended Training Model“ (Gemischtes Trainingsmodell)

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[vimeo http://vimeo.com/29070399]

[vimeo http://vimeo.com/29015351]

Dieses Modell vereint die verschiedenen Trainingsweisen: Live, Virtual, Constructive, Gaming

Live Training ist unmissverständlich das Realtraining auf dem Übungsplatz, am Ambuman, mit Rollenspielern, Paintball, FX-Munition oder Softair, ARCTUS, im OHK etc. pp.

Virtual – hier werden diverse Simulatoren eingerechnet: AGSHP, Waffensystem-Simulatoren (TOW, Milan, FLW 100/200), sowie Fahrzeugsimulatoren und FAC/CCT/Sniper-Simulatoren. Die Liste kann beliebig weitergeführt werden – selbst Ersthelfer-Simulatoren gibt es im Programm.

Constructive – Basislehrgänge, Weiterbildungslehrgänge (ob im Führungswesen, Waffensystemen oder spezieller Verwendungszweck). Jeder Lehrgang wird als weiterqualifizierende Maßnahme angesehen und gehört zur gesamten Trainingsstrategie.

Gaming – Neuland! Definitiv, denn das PC-Spiel „America´s Army“ wurde lange Zeit nur als Werbekampagne zur Rekrutengewinnung angesehen. Aktuell wird VBS 2 (Virtual Battle Space 2) genutzt. Grafisch nicht sehr hübsch, aber eben darum geht es auch nicht. Der Soldat soll verschiedene Taktiken, Praktiken, Teamvorgehensweisen und Verhaltensmuster am Bildschirm mit Maus und Tastatur (und Headset) durchspielen (Gaming).

Die Kombination aus Ernst und Spiel ist durchaus ein gewagter Schritt, da es so möglicherweise zum Realitätsverlust kommt.

Aber dadurch, dass das Spielen als seriöser Teil eines ganzen Trainingsprogramms angesehen wird, wird ein völlig anderer Bezug zum PC-Spiel geschaffen.

Faktisch spielen viele Soldaten in ihrer Freizeit Taktik- oder Egoshooter (welche fernab von der Realität spielen) Durch ein „Verdienstlichen“ des Spiels kann man somit sogar einen Doppeleffekt erzeugen. In Fachkreisen nennt sich dieses Konzept „Serious Gaming“ und wird u.A. auch an der UniBW Hamburg vom Zentrum f. technologiegestütze Bildung erwähnt: Real learning

Die einzelnen Trainings- und Ausbildungsbereiche werden nun zu einem kompletten Ganzen zusammengefügt. Für die verschiedensten Anforderungen werden entsprechende Module benötigt.

Beispiele für die einzelnen Komponenten sind auf den Seiten 4-7 zu finden. Die Ausbildung und das Training ergänzen sich.

Wichtig: Live Training und Ausbildung bleibt weiterhin wichtigste Hauptkomponente des Systems – alles andere wäre auch ein Fehler!

Zurück zum Virtuellen Charakter: Dieser wird im Gaming eingesetzt um den Soldaten auf dem virtuellen Schlachtfeld darzustellen. Umso mehr Erfahrung, Fitness oder Ausbildungen der Soldat in der Realität hat, umso mehr wird er auf dem virtuellen Schlachtfeld können. Die Umsetzung wird allerdings höchst interessant werden.

Der Gaming-Ansatz ist ein Guter. Er wird sich vielen Kritikern stellen müssen und wird in Bundeswehrkreisen mit Sicherheit viel Hohn und Missachtung finden, aber das „Gaming“ bietet jede Menge neuer, effektiver Möglichkeiten für einen Wissens- und Erfahrungserweiterung der Soldaten (ob Führungskraft oder einfacher Soldat).

Im Gruppen- oder Zugverband kann man Szenarien schnell durchspielen – und auch scheitern lernen. Was im Live Training viel Zeit und Finanziellen Aufwand kostet kann nahezu zum Nulltarif durchgespielt werden. Die Funkkommunikation kann trainiert werden, Zielansprachen, Spotting, Taktiken, Kreativität und Reaktionszeit verbessert werden.

Wichtig ist dabei nur, das Gaming als kleinen Teil anzusehen und die Erfahrungen in das Live Training einfließen zu lassen. Nicht alles was im Gaming geklappt hat, muss im Realen auch funktionieren – und umgekehrt.

Desweiteren muss an konservativen Methoden festgehalten werden: Gefechtsfeldskizzen anlegen, Karten Abzeichen, Räumliches Vorstellungsvermögen stärken, Drillausbildungen, usw.

In der Ausbildung ist Kreativität, Flexibilität und Vielseitigkeit gefordert. Nur durch die Kombination aus soliden Wissen, Erfahrungen, Kreativität/Improvisationstalent, Handlungssicherheit und soliden Grundfertigkeiten ist ein hohes Maß an Professionalität und Überlebensfähigkeit im Kampf gegeben.

Um auf die PDF „Maneuver Center of Excellence“ (MG Brown) zurückzukommen:

Nur die Kombination verschiedenster Ressources führt zu nachhaltigem Erfolg. Brown macht das auf Seite 13 anhand einer bzw. mehreren Grafiken deutlich.

Kapazitätslücken werden durch die Kombination aus Führungswesen, Training und Material geschlossen. Das Diagramm auf der rechten Seite verdeutlicht dieses Zusammenspiel anhand eines konkreten Beispiels.

Es ist interessant, dass die US-Streitkräfte auf dieses Modell wert legen, da ihnen ja, wie eingangs erwähnt, vorgeworfen wird, mangelnde Ausbildung durch Einsatz moderner Technik zu kompensieren. Inwieweit diese Schemata in die Realität umgesetzt werden, bleibt abzuwarten.

In der Bundeswehr mangelt es  an massiven Kapazitätslücken bei Waffensystemen und der Mannstärke im Einsatz. Um die bekanntesten Beispiele zu nennen: MEDEVAC/CSAR-Fähigkeiten, CAS-Fähigkeiten, Überwachungsfähigkeiten 24/7

Aktuelle Schlussfolgerungen auf die Bundeswehr zu übertragen ist zu verfrüht. Mit Hochspannung bleibt abzuwarten, wie die Bundeswehrstrukturreform im Detail aussehen wird. Eine Entscheidung ist für Oktober 2011 zu erwarten. Wichtig ist nur am Ball zu bleiben und keinen Stillstand zu dulden (wie in den Jahren (1960) 1990 bis 2000).

Aber auch in der Ausbildung und beim Führungswesen wäre es durchaus wichtig neue Konzepte zu erarbeiten (was ja auch gemacht wird!).

Ein weiterer Apell an alle militärischen Führungskräfte: Eigeniniative (vgl. auch ZDV 10/1; 643-646)

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