„Vier Tage im November“ – Buchrezension

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„Das Problem der meisten Menschen ist, dass sie in ihrer rosaroten Plüschwelt leben. Alles Negative um sich herum blenden sie aus, solange es nicht den eigenen Vorgarten betrifft. Aber wenn dann mal was Schlimmes passiert, sind sie damit überfordert. Und das zeigt mir, dass es vielen Menschen zu Hause zu gut geht. Weil sie den Überfluss und die Sicherheit nicht zu schätzen wissen.[…]“

Das Buch „Vier Tage im November von Johannes Clair scheint auf den ersten Blick nichts anderes als ein weiterer Einsatzbericht zu sein. Man könnte meinen mal wieder will jemand seine Eindrücke loswerden, vielleicht etwas Geld dabei verdienen und seine Person und seine Geschichte erzählen. Nett.

Dem ist nicht so! Die Wahrheit ist manchmal hässlich, unangenehm, erdrückend – aber lohnenswert. Das Buch erdrückt einen – es ist jede Zeile wert sich erdrücken zu lassen.

Wer das Buch gelesen hat, wird feststellen, dass es weniger um Johannes Clair oder tolle Kriegsaction geht. Anders als Wohlgetan schreibt er viel von seinen Kameraden, den Menschen mit denen er in Kontakt kommt, seiner Arbeit als Soldat im Krieg, seinen Gefühlen und Gedanken und von denen seiner Kameraden. Das macht das Buch einzigartig. Wo andere Bücher zu 80 Prozent mit einer Person verbringen hält Clair die Waage. Er lässt seine Kameraden reden – hält sich als Erzähler – obwohl aus der Ich-Perspektive beschrieben – dennoch angenehm im Hintergrund.

„Aber weißt du, fast alle Menschen sterben einsam, hustend und keuchend und unter Schmerzen. Florians Tod kam schnell. Er war umgeben von Freunden. Und dabei tat er etwas, von dem er überzeugt war. Das finde ich sehr tröstlich.“

Zudem belässt es Clair nicht bei einer chronologischen Abfolge einzelner Ereignisse. Clair beschreibt seine Ängste, seine Sorgen, Freude, Gefühle und Gedanken – ohne Rücksicht auf sich selbst. Feigheit, Angst, moralische Grundsatzfragen. Er kämpft äußerlich gegen einen Feind und innerlich immer wieder mit sich selbst. Es kommt deutlich rüber, dass er ein solides, klares moralisches Fundament hat – ebenso wie seine Kameraden. Er hinterfragt es, es wird brüchig, quält sich mit Fragen, die in einer „Spaß- und Konsumgesellschaft“ als depressiv, belanglos oder „letztendlich eh egal“ abgetan werden. Fragen der Moral und Ethik – Fragen des Lebens. Er baut seine Werte wieder „zusammen“.

„Wir standen auf. Zum ersten Mal seit vier Tagen standen wir unter der Sonne auf der Krone des Walls. Wir haben es geschafft!, schrie TJ überglücklich.“

Das Buch ist eine Reise nach Afghanistan und zurück, in den Krieg und zurück, in Clair´s Seele und zurück und letztendlich zu den Fragen, die sich jeder früher oder später stellt.

Ich bin ganz ehrlich – ich musste das Buch ab und an weglegen, weil ich mir die Fragen exakt so immer und immer wieder gestellt habe – meine Antworten gefunden habe, mir aber immer mal wieder alles überdenke. Weil Clair mir aus tiefster Seele spricht bzw. schreibt. Mich hat das Buch zum einen unglaublich beruhigt, weil jemand ebenfalls gleiche Meinung und Einschätzung hat wie ich und sich dasselbe fragt und ähnlich handelt. Weil Clair sich die Mühe gemacht hat es niederzuschreiben – auf eine tolle Art und Weise. Und zum anderen hat, es mich auch wieder sehr aufgewühlt und wieder den Schlaf geraubt.

„Für einen kurzen Moment war ich wie in Trance, hörte ein Rauschen[…]. Meine Kehle war wie zugeschnürt. Irgendwie schaffte ich es, den Kopf zu heben. Wizo und Mica starrten vor sich hin. Ihre Augen bewegten sich nicht. Mica schaffte es schließlich als Erster, die Stille zu durchbrechen. Ich habe mit einer Granate in den kleinen Kiosk geschossen, von dort hat jemand auf uns gefeuert. Ich glaube, der steht nicht mehr. […]. Ich konnte noch nicht erkennen, ob es eine lachende oder schreckliche Grimasse werden würde. Plötzlich lachte er laut los. Wizo setzte ein, und nach einem kurzen Moment saßen wir drei wild lachend in unseren Sitzen. […]Es war absurd. Ich konnte nicht sagen, warum wir so laut lachten. Aber es war ein befreiendes Lachen. Ein Lachen, das alles, was passiert war, wegfegte.“

Ähnlich wie Robert Sedlatzek- Müller („Soldatenglück: Mein Leben nach dem Überleben“) schreibt er über seine Emotionen. Nur Menschen mit viel Selbstwert und Selbstbewusstsein können so offen über ihre Emotionen sprechen. Sehr charakterstark. Schonungslos ehrlich.

Der kriegerische Alltag, die Langeweile , der Adrenalin-Kick und die ungezählten Stunden des Wartens. Schlaflose Nächte, verschlafene Tage, Blödsinn und Freude. Einsamkeit und Stille. Dann wieder das Pfeifen von 7,62mm Geschossen, die Angst, der Kampf gegen sich, später mit sich und gegen den Feind. Clair schreibt geradeweg und ohne Scheu die Wahrheit, die in Deutschland immer noch zu wenige Menschen kennen, manche nicht sagen wollen – weil es ein unangenehmes Thema ist. Anstrengend, mühsam, nicht „Plüschwelt-Kompatibel“. Eben nicht das simple Schwarz-Weiß-Denken vom gütigen Deutschen, vom Bösen Talib, dem dummen Afghani, einfachem Brunnen- und Straßenbau, umgesetzter Demokratie und einfachen Befehlen. Die Betrachtungsweise ist schonungslos und einfach, neutral und ungeschönt. Dass es nicht die Taliban sind, die das Leben zur Hölle werden lassen, sondern auch mal die Hitze, der Staub und die Ruhelosigkeit oder sinnlose Befehle.

„Während ich die leisen Akkorde spielte und anfing, dazu zu singen, war ich völlig allein vor seinem Foto. Eine tiefe Ergriffenheit umfing mich, ich fühlte erneut das starke Band der Kameradschaft. War von ihm gefangen und fühlte mich doch seltsam befreit. […] Eine Träne lief über TJs Wange. Ich wünschte, ich hätte ihm das ersparen können, aber es war meine Art, mich von einem Kameraden zu verabschieden. Und letztendlich war es gut gewesen, dass TJ dort stand. Weil er als Freund für mich da war. Und jetzt über Florian wachte. […] Ich trat vor das Foto. Erwiderte sein Lächeln. Und salutierte.“

Für Nicht-Soldaten ist das Buch ein tiefer Einblick in das Soldat-Sein. Ein Muss für Jeden, der wirklich verstehen und einschätzen will. Clair beschreibt, was es bedeutet Soldat/Infanterist in einer Kampfeinheit zu sein. Er schreibt über Kameradschaft, Freundschaft, Moral und den Zusammenhalt untereinander, Teil einer Familie zu sein. Und von Treue um Treue. Liebe. Werte. Moral. Angst. Hoffnung. Vertrauen. Den Dingen, die im Leben wirklich zählen und wertvoll sind.

„Was Soldaten von anderen unterscheidet? Sie sind keine „besseren“ Menschen – aber sie lieben das Leben und sie haben gelernt wirklich zu lieben. Ist es nicht ein ungeheurer Liebesbeweis sein wertvollstes Gut – sein Leben – für einen anderen zu riskieren – mit einer endgültigen Konsequenz?“ – Ausbilder SGA des paragreen-Autors

Das Buch erzählt vom Alltag der Deutschen Soldaten einer infanteristischen „Kampfeinheit“ in Afghanistan und beschönigt es nicht durch stumpfe Statistiken, neutrale Fachbegriffe und propagandistischen „Gut-Böse“ Gelaber. Es erzählt von einem wunderschönem Land, dankbaren und interessanten Menschen und der Hässlichkeit von Krieg und anderen Menschlichen Abgründen. Das Ganze mit den „einfachen“ Worten eines jungen Stabsgefreiten, eines „einfachen“ Bürgers und festen Teils der Gesellschaft.

263879_126474854105599_7298984_n(Quelle: Johannes Clair)

„Findest du es sinnlos, was wir hier machen?,fragte ich ihn. Er schaute verdutzt und überlegte einen Moment lang. Weißt du, fing er an und kratzte sich am Kopf, ich will als Soldat ernst genommen werden.[…]Es bringt doch nichts, wenn wir zu Hause schief angeschaut werden, weil wir in diesen Einsatz gehen. Wie sollen wir stolz auf unsere Arbeit sein, wenn unser eigenes Land nicht weiß, wie es mit uns umgehen soll?“

„Natürlich habe ich einen Eid geleistet. Aber ich habe es vor allem für den Kameraden neben mir getan. Und weil ich der Meinung war, dass es in diesem Land Menschen gibt, die Unterstützung verdienen. […] Vielleicht erscheint es manchen falsch, was wir hier taten oder aus welchen Gründen. […] Vielleicht kämpften wir einfach nur gegen das Leid an, mit dem wir täglich konfrontiert wurden. Und vielleicht gelang uns das nicht immer. Weil Krieg immer von wenigen beschlossen, aber auf den Schultern vieler ausgetragen wird.“

„Alle Eindrücke haben immer viele Facetten. Und hinter jedem Erlebnis steckt eine Geschichte. Dies soll die Geschichte meiner Eindrücke sein. Mit diesem Buch möchte ich eine Brücke schlagen, zwischen den Bürgern, die dienen und den Bürgern, die daheim bleiben“

Fazit: Das Buch muss man gelesen haben, wenn man verstehen will – und sich nicht vor sich selbst und der Wahrheit fürchtet.

„Vier Tage im November“ von Johannes Clair ist im Econ-Verlag erschienen. (Amazon-Link)

Facebook-Seite „Vier Tage im November“

[youtube=http://youtu.be/db4IacdJh6Y]

„Angst begleitet uns ein Leben lang. Nicht immer können wir mit ihr umgehen. Aber wenn wir durchschauen, was sie mit uns anstellt, können wir lernen, mit ihr zu leben“

Sich seinen Ängsten zu stellen und sie zu überwinden bedeutet Freiheit und Freude und Glück. Vielleicht (ein) Sinn des Lebens…

Warum Clair, Sedlatzek- Müller oder paragreen sich mit diesem „schwermütigen“ unangenehmen Thema beschäftigt? Nicht, weil Soldaten derbe Gesellen, Killermaschinen oder Waffennarren sind – nicht weil sie depressiv und zwangläufig durch PTBS geschädigt sind.

Weil es im Leben nun mal um mehr als Geld, Sozialen Status und Spaß geht. Weil die Menschen von (künstlichen) Ängsten gehetzt werden – nicht mehr von wahren Ängsten, ihrem Willen und Idealen und weil die Gesellschaft schwach geworden ist, sich diesen Ängsten zu stellen und stattdessen im Konsum und Spaß eine Ablenkung sucht. Früher oder später muss sich jeder seinen Ängsten und der Wahrheit stellen.

copyright by paragreen

4 Gedanken zu “„Vier Tage im November“ – Buchrezension

  1. … dem ist nichts hinzu zu fügen!
    Ich selbst lese Einsatzliteratur und habe auch die in der Rezension genannten Werke gelesen. Mein klarer Favorit (zum Teil auch aus den genannten Gründen wie z. B. die vielen Menschen die man kennen lernt, die Selbstkritik, die Offenheit und Ehrlichkeit, der Schreibstil, … – ich könnte stundenlang weiter machen!!): „Vier Tage im November“.
    Bewegendes Buch, sympathischer Autor und tolle Rezension!
    Natürlich ist auch andere Einsatzliteratur empfehlenswert – manche jedoch auch weniger …
    Wer weiß, vielleicht darf ich Herrn Clair eines Tages mal persönlich kenne lernen: die Hoffnung stirbt zuletzt.

  2. Ich kann mich meinem Vorschreiber nur anschliessen! Ein tolles Buch! Auch seine Buchlesungen sind sehr interessant und bewegend. Persönlich noch mehr berührt hat mich, als Johannes Clair mir sagte “ Ich würde trotz der Angst die ich verspürte wieder in den Kriegseinsatz gehen“.
    Joe ist einer der beeindruckensten Menschen die ich bisher kennengelernt habe.
    Liebe Grüße
    Silvia

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