Was ist Mindset?

Was ist Mindset?

Man redet viel von Mindset. Aber was ist das eigentlich? Wie erzeuge ich es und was ist ein „Gutes“ und was ein „Schlechtes“ Mindset?

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Anmerkung

Ein sehr weitläufiges Problem unserer Sprache ist es, dass sie Vorgänge und Eigenschaften nur inMateriellen Dingen beschreibt. Die Sprache hat sich „im Materiellen Raum“ gebildet, es wurden aber kaum neue Wortschöpfungen für den immateriellen Raum erzeugt (Also Gedanken, Emotionales und Rationales Denken). Dafür nutzen wir Metaphern also Verbildlichungen: „Einen Gedanken ergreifen“; „Es liegt mir auf der Zunge (ein Gedanke)“; „Gelerntes, festigen“ etc.

Entsprechend schwierig ist es, Gedanken und Vorgänge des Denkens in dieser Sprache wiederzugeben, ohne dass jemand sofort ein Bild vor Augen hat und dieses fehlinterpretiert. Dies bitte im Hinterkopf behalten 😉

Begrifflichkeit

Das englische Wort „Mind“ hat im Deutschen viele Übersetzungen.

Geist – Seele – Sinn – Verstand – Ansicht – Absicht – Psyche – Gedanke

Seele hat etwas Emotionales und Spirituelles, ebenso wie der Geist.

Sinn etwas Sensorisches, Sensibles; vielleicht auf rationelles.

Den Verstand verbinden wir ebenfalls mit der Ratio.

Absicht und Ansichten beschreiben Motive bzw.Werte.

Gedanken sind flüchtig und sie in Worte zu fassen fällt uns schwer.

Und Psyche verbinden viele mit der Psychoanalyse und den „Geisteszustand“ einer Person.

„Mind“ beschreibt also alles, was „da oben“, im Kopf, vorgeht. Um es etwas anschaulicher zu machen: Mandelkern, Limbisches System und (Frontaler) Cortex. All das umfasst „Mind“. Natürlich könnten wir auf Synapsen und elektrische Impulse im Hirn eingehen. Wir wissen, dass beispielsweise schwere Depressionen durch eine „Elektroshock-Therapie“ langfristig gemildert werden. Wir können mit elektrischen Impulsen verschiedene Gehirnregionen stimulieren und so Emotionen anregen. Und durch verschiedene Denkmuster bilden sich entsprechende Synapsen aus. Aber keine Elektrotherapie hat es bisher zustande gebracht konkrete Gedanken zu formen oder ein „Combat Mindset“ zu erzeugen. Sicherlich wird das in der Zukunft möglich sein.

Es ist jetzt schon möglich – ganz ohne Technik und Geld.

Zurück zum zweiten Teil des Wortes:

Das englische Wort „to set“ bedeutet so viel wie „etwas bestimmen“, „erstarren“ bzw. „etwas einführen“. „Mindset“ bedeutet also dieses dynamische, ungreifbare, immaterielle zu „ergreifen“ und es in einem Zustand festzuhalten und als solches fest zu setzen. In Deutsche platt übersetzt bedeutet Mindset in etwa „eine gefestigte Einstellung zu etwas haben“ Eine gefestigter Einstellung ist meist ein Prozess über eine Gewisse Zeit bzw. dauerhaft und wird durch Werte, Motive, Normen und Emotionen begründet und gebildet.

Um kurz etwas genauer oben genannte Begriffe zu definieren, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen:

Normen – kurzfristige/mittelfristig mehr oder weniger flexible Richtlinien/Maßstäbe/Vorschriften, die vom sozialen Umfeld also der Gesellschaft festgelegt wird (z.B. Gesetze, Sitten, Standardisierungen, um das Leben zu erleichtern)

Werte – sind meist langfristige, oft immaterielle Eigenschaften, wie z.B. Grundgesetze, Sitten, Ideale, Handlungsmuster, Charaktereigenschaften. Sie werden im Laufe der Zeit und durch sog. „Erziehung“ (was eigentlich nichts anderes als eine Konditionierung ist) durch Eltern und Soziales Umfeld vermittelt bzw. eingehämmert. Werte wandeln sich, allerdings dauert dies länger (als z.B. bei Normen) Außerdem erfahren diese durch „Critical Incidents“ (also Schlüsselerlebnisse) im Leben von Menschen, Gruppen und Gesellschaften Veränderungen.

Motive – sind Wörtlich übersetzt „Bewegung und Antrieb“. Sie sind grundsätzlich relativ stabil, können durch Erziehung und „Soziale Programmierung“ entsprechend ausgeprägt sein. Als Motive bezeichnen wir auch die sog. „niedere“ Beweggründe: Triebe. Sexualtrieb, Tötungstrieb, Trieb nach Leistung, Anerkennung und Macht. Man sollte diese Triebe vollkommen neutral sehen, weshalb „nieder“ auch inkorrekt ist. Leider hat „die Gesellschaft“ anscheinend kein Interesse aus ihrer selbstverschuldeten Schizophrenie zu entkommen und sich aktiv mit diesen völlig natürlichen und wichtigen Dingen auseinanderzusetzen.

Emotionen – bezeichnet umgangssprachlich das „Gefühl“. Emotionen sind, bewusst oder unbewusst aufgenommene Reize unserer Umwelt (sie müssen nicht immer Objektiver Natur sein), die unsere Psyche (unseren „Mind“) „kitzeln“ und meist physische und psychische Verhaltensweisen hervorrufen. Das „Mindset“ wird also durch viele Faktoren beeinflusst. Das sollten wir wissen, um in den Prozess des Mindsettings aktiv einzugreifen. Alle diese Faktoren sind änderbar – einige sind mehr, andere weniger flexibel.

Mindsetting

„Mindsetting“ beschreibt die Tätigkeit des „erstellen/festigen einer Einstellung im Kopf“. Dies ist ein Prozess – also ein Vorgang, der dauerhaft anhält und NIE abgeschlossen ist. Mindset ist die „Einstellung im Kopf“ zu einem bestimmten Zeitpunkt.

Leider bringt die Begrifflichkeit recht wenig Spielraum mit sich und sorgt für Missverständnisse. Dazu etwas weiter ausgeholt. Wenn wir etwas „fest setzen“ meinen wir meist „fundamentieren“, also bildlich und rein materialistisch gesehen, nämlich z.B. beim Bauen in Form eines (am besten möglich massiven und großem) Betonfundaments eines (unseres) Gebäudes. Jeder weiß: Dickes Fundament, große Gründung, stabiler Boden bedeutet man kann ordentlich Last darauf setzen. Logisch.

Aus dem Hochhausbau wissen wir aber auch: Sehr massiv und groß – muss nicht zwangsläufig stabil sein. Bei Erdbeben, Erdverschiebungen und Stürmen bringt ein festes Fundament und eine starre, massive Struktur wenig. Zudem „arbeitet“ jedes Material (sogar Beton), sprich bewegt sich weiter. „Ja, aber Erdbeben und Stürme sind ja selten und in unseren Gegenden selten“ – Richtig! (Wobei das größte Gebäude der Welt, das Taipei 101, fast täglich Erdbeben ausgesetzt ist. Kein Wunder: Es wurde nur 200 Meter von einer Tektonischen Bruchline entfernt errichtet.) Aber nur weil die Statistik sagt, dass zu 99% etwas nicht passiert, tritt doch irgendwann das 1% ein. Und wenn das 1% eintritt, dann zu 100%. (Statistisches Denken ist uns schon immer schwer gefallen…)

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Unser Gebäude ist also bei Einflüssen von außen unflexibel und bekommt Risse – im Worst Case Szenario stürzt es ein. Wir haben ein absolut starres Gebilde erschaffen, um möglichst viel Stabilität zu erhalten, dennoch haben wir Instabilität durch Risse und schwerere Einwirkungen erhalten. Was wir brauchen ist ein adaptives, flexibles Gebilde. Nur so können wir die Stabilität gewährleisten.

Bauingenieure kommen dem nach, indem sie flexible Materialien einsetzen. Dehnungsfugen bei Brücken, Stahl bei Hochhäusern bis hin zu stabilisierenden Pendeln (Tapei 101), die Schwankungen ausgleichen und das Gebäude stabilisieren. Etwas Absolutes gibt es nicht. Lediglich eine Potentialität des Absoluten.

Statik und Dynamik

Die Berechnung eines Tragwerks bei einem Gebäude und die der Achslast bei einem Sattelschleppzug sind exakt gleich. Nur sprechen wir einmal von Statik und einmal von Dynamik. Lösen wir uns von diesen Begriffen! Denn sie sind nur zur Definition kleinerer Fachbereiche sinnvoll. Wir leben in einer Dynamischen Welt, im ständigen Wandel. Ständig ändern sich Variablen und Größen. Leben und Sterben. Erschaffen und Vergehen. Unser Körper reproduziert täglich tausende Hautzellen und tausende Hautzellen sterben ab. Gebäude werden gebaut und abgerissen. Bäume wachsen im Wald, anderenorts knickt ein Sturm oder Erdrutsch oder das Alter sie ein. Ebbe und Flut, Sommer, Frühling, Herbst und Winter.

Die Technik schreitet in großen Schritten voran. Die Wissenschaft macht immer neue Entdeckungen, die unser „altes Weltbild“ zersetzen und große Lücken hinterlassen. Das macht uns Angst. Wir suchen etwas, dass unsere Ängste eindämmt oder sogar nimmt. Wir klammern uns an das wenig gebliebene, versuchen statisch etwas aufzubauen, was uns Halt gibt. Kurzum: Wir bauen ein Fundament und eine feste Struktur in der Hoffnung: Absolute Festigkeit, Massives Fundament schützen unser Leben von dem Einsturz.

Diese kann der Wirklichkeit und den Anforderungen (wie Erdbeben und starken Winden) des Lebens aber nicht gerecht werden. Wirklichkeit kommt von „Wirken“. Hier absichtlich nicht der Begriff „Realität“, da diese von lat. „realitas“, von res „das Ding“ stammt. Die Welt, in der wir leben, besteht nicht nur aus Dingen (wenn überhaupt) sondern aus immateriellen Potentialitäten, also den nicht materiellen „Dingen“. Diese prägen unser Leben mindestens genauso. Ein simples Beispiel ist die Partnerschaft, Familie, Freunde und allgemein das soziale Umfeld, in dem wir leben. Realitäten gibt es zu Hauf – jeder trägt in seinem Kopf eine etwas andere mit sich herum. Aber wir sollten diese starre Realitäten und Weltbilder wieder aufbrechen und lebendig machen, um dem Respekt zu tragen, dass wir nun mal in der Wirklichkeit leben und wirken.

Ein 100% stabiler Zustand durch absolute Fixierung wird nur eine Zeit lang erreicht, aber irgendwann wird er wieder im Chaos versinken. Rationell macht es also keinen Sinn zu leben. Man könnte sich gleich in die Kiste legen. Kein Aufwand,kein Leid, keine Kosten. Aber die Welt besteht eben nicht nur aus Rationalen Betrachtungen…

Ja, was jetzt? „Mindstabilizing“?

Ursprünglich beschreibt Mindset, dass wir unsere Werte, Normen und Motive festigen. Festigen hat aber immer etwas von endgültig und final. Nur sollten wir davon wegkommen, das Mindset als eine Festung zu sehen, die wir nach Bauanleitung versuchen zu bauen, um uns darin zu verschanzen. Gehen wir also einen Schritt weiter und übersetzen das „set“ nicht mehr als eine (endgültige) Festigung (als etwas starres), sondern als eine Stabilisierung. Die eigentliche Antwort nennt sich: Mindsetting.

Ein dauerhafter und ständiger Prozess, der niemals endet. Unser Mindset (Mindstabilisation) muss der Wirklichkeit und dem Leben entsprechen, in dem wir Leben. Und keinem Konstrukt der Realität in unserem Kopf.

Macht das Angst? Sicherlich. Denn das bedeutet niemals stehen bleiben, niemals einrichten, niemals seinen Rucksack absetzen. Deal with it!

Gehen wir die Metapher rückwärts: Bei einer Bergtour gibt es während des Aufstiegs immer wieder diese Pausen: Zum Trinken, Kleidungsschichten ablegen, Ausrüstung anziehen. Das sind die Momente, in denen wir verschnaufen können. Und in diesen Momenten zeigt sich das Bergpanorama in seiner ganzen Pracht. Die Belohnung für den Aufstieg ist nur der Ausblick. Dieser Ausblick ist unbezahlbar. Weil wir in diesen Ausblick all die Emotionen und „Lessons learned“ verankern, die wir während des Aufstiegs erlebt haben, die uns aber kein Buch, kein Bild und keine noch so gute Theorie beibringen kann.

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Um das Zitat von Paul Howe zu nutzen:

“Life is like climbing a slow gradual hill with a rucksack full of bricks. The bricks represent integrity and values. As the hill tires you, some tend to drop a brick here and there to lighten their load. Many find that through the process, they reach the top of the hill with an empty rucksack. Some though, keep all their bricks through the journey. Some who don´t have all the bricks at the beginning of the journey pick one up here and there along their way. You may find that some steps might be unpleasant, but enjoy them all and try and pick a few bricks up along the way.”

Diese Ziegelsteine, die wir in unseren Rucksack legen, diese Schritte, die wir als unsinnig empfinden. Genau die bilden das Mindset.

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Was ist ein passendes Mindset?

Das Mindset muss adaptiv und dynamisch, wie das Leben selbst sein und bleiben. Haley beschreibt dies mit seiner Phrase „be adaptive“. „Dont be absolute“ (Sei adaptiv, nicht absolut) Adaptiv sein heißt NICHT hinterherzulaufen und das zu tun, was die Masse macht. Die Angepassten, die Bedenkenträger, die Besserwisser haben noch nie die Welt geändert, neuen Ideen und Gedanken Raum gelassen oder sie aufgenommen.

Schwarmintelligenz gibt es, keine Frage. Aber eben auch in die Umgekehrte Richtung: Schwarm-„Unintelligenz“.

Adaptiv sein bedeutet intelligentes Beobachten, Orientieren, Entscheiden und Agieren. Regeln selbst bestimmen, die Welt formen. Wir müssen agil sein: Beweglich, behände, lebendig, gewandt.

Wir wollen kein rein Reaktives Mindset, sondern ein Aktives. Wir müssen uns mit Neuerungen aktiv beschäftigen, offen für Neues sein, Altes immer wieder neubewerten und gegebenenfalls aussortieren oder abändern. Manche Dinge kosten Zeit und manchen Schmerz, aber nur wenn wir uns auch mit unangenehmen Themen auseinander setzen, uns immer wieder selbstreflektieren und auch andere Meinungen zulassen, diese nicht blind übernehmen und selbst probieren, werden wir in der Lage sein ein Bullet-Proof-Mindset aufzubauen, das uns auch in schwierigen Zeiten nicht im Stich lässt.

Ovid: „Trage und dulde: Dir wird dieser Schmerz dereinst noch nützen.“

Es ist nicht sexy, es glitzert nicht, es ist auch nicht „hart“. Don´t give a flying fuck!

Was bedeutet Mindsetting nicht?

Mindset bedeutet nicht, irgendwelche festen Meinungen zu verbreiten oder standardisierte Lösungen zu vermeidlich standardisierten Problemen zu liefern, ohne das Problem analysiert zu haben. Jeder Problemtopf hat seinen eigenen Problemdeckel – und der muss vielleicht erst angefertigt werden. Es gibt viele Wege auf den Gipfel eines Berges. Es gibt viele Möglichkeiten eine Gefahr abzuwehren. Es gibt viele Möglichkeiten tödlich zu sein. Es gibt viele Rucksäcke und Tragesysteme. Es gibt viele Wege nach Rom. Wir haben diese Erkenntnis alle schon gemacht. Mindsetting bedeutet nicht, in einer Festung zu sitzen, sich zu verbarrikadieren und auf mögliche Gefahren zu warten. Dabei vernachlässigen wir das Leben.

Was bedeutet Mindsetting? (in Metaphern)

Mindseting bedeutet zu laufen. Einen Schritt vor den anderen zu setzen. Sich das Wissen des Schrittsetzens anzueignen. Ein Gefühl dafür zu entwickeln und Steinen auszuweichen, sie wegzutreten, etwas mit ihnen zu bauen.

Mindsetting bedeutet fest im Sattel auf unserem Trakehner zu sitzen, ihn intelligent zu führen, zu wissen was er braucht und ihn zu lenken. Ständig auszubalancieren, sich gegen den Wind zu lehnen und genau das genießen, was das Reiten einem bietet: Freiheit und Verantwortung fürs Pferd und einen selbst. Die süße, vielleicht kühle Brise zu schmecken, die wir Leben nennen.

Wir wollen alle auf einen Berg. Es ist völlig egal, ob wir das mit Pickel und Seil und Muskelkraft machen, oder ob wir einen Helikopter bauen und mit Wissen, Technischem Verständnis und Geschick auf den Gipfel fliegen.

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Wir brauchen beides Mal die geistige, psychische, seelische Einstellung. Die entsprechende Ansicht, eine Absicht, Glaube, Verstand und passende Gedanken, die wir festigen müssen. Wir haben alle eine Wahl!

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Warum das Thema?

Weil unflexibles Mindset und unflexible Denkweisen zu Verwundeten (Psychisch, wie physisch) und Toten geführt haben und führen. Tagtäglich.

copyright by paragreen

Empfohlene Literatur:

„Geist, Kosmos und Physik“ von Hans-Peter Dürr

„Psychologie“ von Philip G. Zimbardo, Richard J. Gerrig, Siegfried Hoppe-Graff, Irma Engel, Siegfried Hoppe- Graff

„Schnelles Denken, Langsames Denken“ von Daniel Kahneman

„Leadership and Training for the fight“ von Paul E. Howe

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1 Gedanke zu “Was ist Mindset?”

  1. sehr guter artikel!
    würde mich freuen wenn du nur häufiger was schreiben würdest.
    artikel, wie dieser, sind eine motivation sich selbst zu verbessern und zu trainieren!
    viele grüße!

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